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Was für uns 35 Euro sind, sind für einen chinesischen Millionär 2 Millionen

05.11.2020 - Artikel

Von Hannes Rumm (28.10.2020)

 Was kostet 35 Euro für jeden Esten, aber zwei Millionen Euro für einen chinesischen oder russischen Millionär? Ein zusätzlicher Tipp für Quiz-Spieler: Das angesprochene Objekt ist 88 Millimeter breit, 125 Millimeter hoch, 32 Seiten dick und bordeauxrot.

Richtig, es handelt sich um einen Reisepass eines EU-Bürgers, der einen estnischen Staatsbürger bei einer Online-Bestellung 35 Euro kostet. Ist das nicht angenehm günstig und bequem?

Nach der vorherigen Wirtschaftskrise startete Zypern jedoch ein Programm zur Aufbesserung des Staatshaushalts, das Ausländern, die mindestens zwei Millionen Euro in das Inselland investiert haben, einen ähnlichen Pass verleiht.

Dieses Produkt ist unter den Reichen der restlichen Welt beliebt, weil es die Tür zur gesamten Europäischen Union öffnet. Nach Angaben des Economist hat Zypern durch den Verkauf der EU-Staatsbürgerschaft 7 Mrd. Euro verdient*. Demetris Syllouris, Sprecher des zyprischen Parlaments, ist neulich zurückgetreten, weil er von investigativen Journalisten damit reingelegt wurde, dass sie mit seiner Hilfe für einen chinesischen Millionär mit kriminellem Hintergrund einen Pass der Europäischen Union gekauft haben.

Stacheldrahtzaun oder Sandburg

Als Esten können wir sogar 35 Euro sparen, denn wenn wir uns innerhalb der EU bewegen, reicht der Personalausweis dafür aus. Im Gegensatz zu chinesischen, russischen oder arabischen Millionären wissen viele von uns diese Freiheit jedoch nicht mehr zu schätzen, da sie eine Selbstverständlichkeit geworden ist.

Das Vabamu Museum beherbergt derzeit eine Ausstellung von Valerio Vincenzo, einem Fotografen, der dieses Phänomen anschaulich beschreibt. Auf meinem Lieblingsbild verläuft ein Fußweg aus Holzbrettern vom Kiefernwald über den Sandstrand bis zu den Menschen, die sich an der Ostsee sonnen.

Das Besondere an diesem Bild sind die Grenzpfähle auf beiden Seiten dieser Promenade, da 1990 anstelle der Promenade ein Stacheldrahtzaun zwischen den kleinen Ferienorten Swinemünde und Heringsdorf verlief. Zu dieser Zeit hat die Staatsgrenze Deutschland und Polen klargetrennt. Auf der einen Seite des Stacheldrahts blieb die reiche Europäische Union und die geschützte NATO, auf der anderen der arme, gefährdete Ostblock.

Hoffentlich wird COVID-19 als nützlicher Nebeneffekt der um die Jahrtausendwende geborenen Generation deutlich machen, wie wichtig die Offenheit der Grenzen für uns als Einzelpersonen und als kleine Länder ist. Bisher war es für die Generation Z völlig sinnlos, über die visumfreie Freizügigkeit als wichtiger Vorteil der Mitgliedschaft in der EU zu sprechen, da sie sich ihr ganzes Leben lang frei in Europa bewegen konnten und sich nicht vorstellen konnten, dass diese Freiheit verschwinden könnte.

Zuerst trennt es, danach wird es vereinen?

Gegenwärtig wirken strenge Quarantäneregeln innerhalb der EU im Wesentlichen als Einschränkung des freien Personenverkehrs. Stellen Sie sich bitte für einen Moment vor, wie unser Leben aussehen würde, wenn der Wunsch nach Grenzschließung in der europäischen Politik vorherrscht und die Beschränkungen der Freizügigkeit bestehen bleibt.

Dieser Gedanke ist gar nicht so unmöglich, wenn Sie sich zum Beispiel daran erinnern, wie Polen im März ohne Vorwarnung seine Grenzen geschlossen hat, kilometerlange Autowarteschlangen verursacht und Hunderttausende Menschen gedemütigt hat. Und erinnern Sie sich an das allgemeine Verhalten nach dem ersten Schreck, als die meisten EU-Mitgliedstaaten für sich kämpften und nicht kooperierten, was sowohl für ihre eigenen Bürger als auch die der Partnerländer unnötiges Leid verursachte.

COVID-19 wird auch etwas Nützliches bringen, wenn wir wieder verstehen, dass die nützlichsten Grenzen diejenigen sind, wie auf dem Foto an der Ostsee, wo Kinder auf halbem Weg in Polen und auf halbem Weg in Deutschland eine Sandburg bauen können.

* https://www.economist.com/europe/2020/09/26/the-problem-of-the-eus-golden-passports


Erschienen in der Landwirtschaftszeitung „Maaleht“ am 28.10.2020

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