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Von hinter der Berliner Mauer nach Tallinn

Botschafterin Christiane Hohmann im Noblessner-Hafen in Tallinn

Botschafterin Christiane Hohmann im Noblessner-Hafen in Tallinn, © Deutsche Botschaft Talllinn

19.10.2020 - Artikel

„Ich bin froh, erlebt zu haben, was das Leben in Ostdeutschland bedeutet, und den Fall der Berliner Mauer bewusst gespürt zu haben“, sagt Botschafterin Christiane Hohmann. „Es ist ein Privileg, Teil einer Generation zu sein, die in einem System lebte, aber ein anderes erobern konnte.“

Autor: Thea Karin

Viele haben den Fall der Mauer und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten als beängstigend empfunden, denn niemand wusste, was weiter passieren würde, alles musste von Null aufgebaut werden. „Sie befanden sich ja in der gleichen Situation, als Estland frei wurde, die in der Sowjetunion geltenden Regeln verschwanden und eine neue Richtung gefunden werden musste. Wir alle brauchten Kraft, sowohl auf persönlicher Ebene als auch in den Familien, um zusammen zu bleiben und mit dem rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit fertig zu werden.“

Zusammen mit den Veränderungen hat sich jedoch auch ein Prinzip bei Frau Hohmann befestigt: Nimm neue Herausforderungen an und bleibe neugierig. „Hätte es die Vereinigung der beiden deutschen Staaten nicht gegeben, würde ich jetzt höchstwahrscheinlich englische Literatur und Shakespeare an der Universität unterrichten“, sagt sie. „Es war ein völliger Zufall zu entdecken, dass ich mich für den Auswärtigen Dienst unseres Landes bewerben kann. Eigentlich wollte ich nur sehen, wie die Chancen auf dem westlichen Arbeitsmarkt aussehen, und selbst nach einer positiven Antwort war es mir immer noch nicht klar, was das genau bedeutet, dass ich Staatsbeamtin werde.“

Botschafterin Hohmann, die aus Potsdam stammt, hat ein Studium zur Sprachmittlerin für Englisch und Französisch absolviert und sich anschließend an der Alexander von Humboldt Universität in Berlin näher mit der englischen Literatur des 16. Jahrhunderts und Shakespeare befasst. Wäre alles plangemäß gelaufen, hätte sie nach dem dreijährigen Studium 1991 ihren Abschluss  bekommen. Dann kam 1989 und mit dem Fall der Berliner Mauer sind viele Fragen entstanden.

Was ist mein Studium wert? Wird mein Diplom überhaupt anerkannt? Möchte ich in Ostdeutschland, oder überhaupt an der Universität bleiben? Dann sichtete sie zufällig eine Anzeige in der Zeitung „Die Zeit“, in der angekündigt wurde, dass die Bewerbung für den Auswärtigen Dienst auch ostdeutschen Bürgern offen stehe. Voraussetzungen waren ein Hochschulabschluss sowie Englisch- und Französischkenntnisse. Ein entsprechender schriftlicher Test wurde von 3000 Personen abgelegt, eine Woche später erfolgte der mündliche Teil. Laut Hohmann war es für sie damals am wichtigsten, ihren Kenntnisstand zu vergleichen und nicht unbedingt eine Arbeitsstelle zu bekommen. „Ich wusste nicht, was mich erwarten würde, worum es in diesem Beruf ging“, lacht sie.

Hohmann, die aus Tausenden von Bewerbern ausgewählt wurde, gehörte zu der ersten Generation aus Ostdeutschland, die sich dem Auswärtigen Dienst im wiedervereinigten Deutschland anschloss. Anfangs waren es 72, nur 11 davon waren Frauen. 2015/2016 waren es bereits zur Hälfte Frauen und zur Hälfte Männer.

Das Ende des Jahres 1990 führte Hohmann zum ersten Mal nach Bonn. Sie erinnert sich, dass es das größte Weihnachtsgeschenk für sie war, die Stadt zu besuchen, in der die Bundesregierung residierte. Sie erinnert sich zusätzlich lebhaft an den 2. Mai 1993, als der damalige Außenminister der Bundesrepublik Deutschland allen Absolventen ihre Urkunden überreichte.

Rückblickend war alles das Ergebnis des Mauerfalls – Hohmann selbst hat dieses weltbewegende Ereignis im wahrsten Sinne des Wortes verschlafen, weil sie den ganzen Tag übersetzt hatte und früh ins Bett gegangen war. Am Morgen schaltete sie das Radio ein und eilte nach draußen – auf die Bornholmer Straße, zum Grenzübergang. Das Beeindruckendste war laut Hohmann, dass plötzlich keine Autos mehr auf den Straßen zu sehen waren. Die sonst befahrenen Straßen wie der Kurfürstendamm oder Ku'damm, der Ring um die Gedächtniskirche, waren nun voller Menschen. Als sie ihre Eltern erreichte, sagten sie ihr, dass das Ganze vielleicht nur einen Augenblick halten würde – also musste man sofort die Chance, in den Westen zu gehen, ergreifen. Bisher war das alles ja nur in westdeutschen TV-Programmen zu sehen, doch plötzlich wurde aus der Virtualität die Realität.

Fünf Tage nach dem Fall der Berliner Mauer erhielt Hohmann einen Reisepass fürs Ausland und reiste nach London, wo sie von Januar bis April 1990 in der Bibliothek Bücher lesen konnte, von denen sie nur geträumt hatte. Geld hatte sie gerade so viel dabei, dass sie mit der U-Bahn fahren konnte.

„Dinge, die sich in dieser kurzen Zeit änderten, hatten eine ganz andere Bedeutung bekommen, alles hat sich so stark angesammelt, dass es psychologisch ziemlich schwierig war, da mitzuhalten. Vieles, was wir erlebten, war völlig anders als das, was uns darüber erzählt wurde. Z. B. der erste Besuch in einem Londoner Supermarkt “, erinnert sich Frau Hohmann.

Ihr erster Posten war im Stab für Humanitäre Hilfe in Bonn und sie befasste sich mit Sarajevo, Bosnien und Herzegowina, wo es 1993 zum Höhepunkt des militärischen Konflikts kam. Über Washington kehrte sie nach Bonn zurück, wo sie sich mit Österreich, der Schweiz und den Benelux-Staaten auseinandersetzen musste. Bald erfolgte der Umzug der Bundesregierung nach Berlin.

 Der erste Auslandsposten werde die gesamte Laufbahn beeinflussen, sogar das ganze Leben, sagt Botschafterin Hohmann: „Wie die erste Liebe, an die man sich immer erinnern wird.“ Dies traf auch auf die Hauptstadt Kameruns zu, in der sie Ständige Vertreterin der deutschen Botschaft wurde. Dieser Posten führte zu Reisen in den Tschad, nach Zentralafrika und Äquatorialguinea – in Länder, in denen es aufgrund von Unsicherheiten nicht möglich war sich frei zu bewegen. Das Arbeiten dort fiel schwer, neben dem ungewohnten Klima verursacht die weit verbreitete Korruption in den Behörden, der Polizei und der Politik Probleme (laut dem Korruptionswahrnehmungsindex belegt Kamerun auf einer stabilen 25-Punkte-Skala von 180 untersuchten Ländern den 153. Platz). Dies ist kein afrikanisches Land, wie Tansania oder Kenia, wo deutsche Touristen gerne Safaris unternehmen. Es ist eine völlig andere Welt. Gleichzeitig merkt man dort, wie wenig man braucht, um auf dieser Welt zurechtzukommen.

Einen Botschafterposten hat Christiane Hohmann ab 2016 in Bosnien und Herzegowina übernommen, ein großer Karriereschritt. Großen Einfluss auf ihr Leben hatten auch die zuvor gesammelten Erfahrungen aus Brüssel, wo Hohmann für die Europäische Kommission gearbeitet hat. Von 2007 bis 2010 war sie Sprecherin für Außenbeziehungen in der Generaldirektion RELEX. „Eine ganz andere Struktur als die, an die ich in Berlin gewöhnt war! Ich war ja auch schon vorher mit dem Bundesaußenminister auf Dienstreisen gewesen, aber jetzt war alles komplett anders.“

Die Kommission hatte kein eigenes Flugzeug und keine Protokollabteilung mit Beamten, die das gesamte Programm organisieren. Den Koffer musste man selbst tragen und gereist wurde zu dritt. Auf diese Weise lernte man andere Menschen besser kennen und all dies war für sie eine sehr interessante und wichtige menschliche Erfahrung. „Ich habe gelernt, einen Koffer richtig zu packen! Jetzt weiß ich genau, was ich mitnehmen muss, wenn ich zwei Tage, drei Tage oder eine Woche unterwegs bin.“ Damals musste sie manchmal in einem Monat drei Wochen unterwegs sein, sodass sich die Fähigkeit, den Koffer effizient und schnell zu packen, als sehr nützlich erwies.

„Meine Arbeit bietet mir den Luxus, meine Neugier auf andere Kulturen zu befriedigen; zu erforschen, wie Dinge in anderen Teilen der Welt laufen und geregelt werden. Ich nenne es das Prinzip der Sesam-Straße nach einer TV-Sendung aus meiner Kindheit, die immer mit einem Lied begann, in dem gefragt wurde: wieso, weshalb, warum. Dies charakterisiert auch meinen Beruf  – genauer hinzuschauen und zu studieren, warum in einem bestimmten Land die Dinge auf einer Weise gemacht werden und nicht anders, warum die Denkweise anders als in Deutschland ist. Wenn ich eine Liste von Fragen zusammenstellen würde, gäbe es derzeit die meisten Fragen zu Japan. Dort gibt es eine Mischung aus einer unglaublich disziplinierten Gesellschaft, die aber gleichzeitig durch konventionelle Regeln eingeschränkt ist, abends geht man aber in eine Karaoke-Bar, um sozusagen locker zu lassen...“

Estland ist das erste nordische Land und ebenso der erste NATO- und EU-Mitgliedstaat, in dem Christiane Hohmann seit 2019 als Botschafterin tätig ist. Hier sammelt sie ihre ersten Erfahrungen zur Arbeit innerhalb der EU. „Ich entdecke hier als Botschafterin eine neue Rolle! Estland bedeutet für mich eine neue Mentalität, eine nordische Denkweise. Die Landschaft von Estland erinnert mich an die Umgebung meiner Kindheit in Berlin, wo ich aufgewachsen bin – Wälder, Seen, Hügeln. Das Nordische hier verbindet sich also mit etwas sehr Heimischem – in Deutschland gibt es nur keine weißen Nächte. In Kamerun oder Zentralafrika gibt es nichts Vergleichbares! Das gleiche gilt für Bosnien – ich war in Südeuropa, im Gebirge, in einem völlig anderen Kulturraum, aber der estnische Kulturraum ist dem deutschen sehr ähnlich. Zum ersten Mal fühle ich, dass ich mich zwar im Ausland befinde, aber manchmal den Eindruck habe, dass ich nur zehn Kilometer von zu Hause entfernt bin.“

Laut Hohmann würde sie gerne länger in Estland bleiben, da sie viele Orte noch nicht besuchen konnte und zu wenig Zeit zum Entdecken hat. „Es spielt keine Rolle, ob ein Land groß oder klein ist – Estland hat eine vielfältige Geschichte und hat kulturell sehr viel zu bieten. Ich würde gerne mehr darüber erfahren, wie die Menschen hier zurechtgekommen sind. Denn dieser Aspekt verbindet mich auch mit meiner eigenen Vergangenheit in Ostdeutschland. Wir hatten einen Globus, rund wie immer, aber wir lebten wie im kopernikanischen Zeitalter und sahen nur eine flache Scheibe. Nach dem Fall der Berliner Mauer hatten wir jedoch auch physisch das Gefühl, dass der Globus rund, farbenfroh und vielseitig ist ...“

Gleichzeitig sagt die Botschafterin, dass sie auch damals, als sie morgens aufwachte, natürlich nicht täglich daran gedacht hat, wie schlimm es ist, in der DDR zu leben. „Wie das Leben weitergegangen wäre, hätte es den Fall der Mauer nicht gegeben, kann heute niemand sagen. Es ist wichtig, neugierig zu bleiben und die Chancen des Lebens zu nutzen. Später hätte ich mich vielleicht auch nicht für den Auswärtigen Dienst beworben, ich hätte vielleicht gedacht, dass es zu viel Arbeit macht. Aber ich muss gedacht haben, dass es eine interessante Erfahrung sein könnte. Warum nicht die Möglichkeit ergreifen? Und es gibt nicht einen Tag, an dem ich es bereut hätte!“

Quelle: Postimees, 10.10.2020

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